Spice - Betrügerischer Kräutermix ist Beleg falscher Drogenpolitik

[Meldung des DHV vom 16. Dezember 2008]

Viel wurde in den vergangenen Monaten über Inhaltsstoffe und Risiken der "Räuchermischung" Spice gemutmaßt. Seit gestern glauben nur noch wenige an einen "harmlosen" Mix verschiedener psychoaktiver Pflanzen. Eine im Auftrag des Drogenreferats der Stadt Frankfurt/ Main von THC-Pharm durchgeführte Spice-Analyse legt den Schluss nahe, dass Spice das synthetische Cannabinoid JWH-018 enthält. Der Spice-Hype zeigt dabei vor allem die Schädlichkeit der gegenwärtigen repressiven Drogenpolitik.

Spice ein mediengemachter Drogenhype?

Das unter dem Namen "Spice" (auf deutsch Gewürz) vertriebene Produkt der britischen Firma the Psyche Deli enthält laut Verpackung eine Mischung verschiedener Pflanzen und Aromen, deren Konsum zu Rauschzwecken in Europa bis dato quasi unbekannt war.

Laut Hersteller enthält die Mischung:

* Baybean (Meeresbohne, Canavalia maritima)
* Blauer Lotus (Nymphaea caerulea)
* Lion's Tail (Afrikanisches Löwenohr, Leonurus cardiaca)
* Lousewort (Läusekraut, Pedicularis)
* Indian Warrior (Pedicularis densiflora)
* Dwarf Scullcap (Helmkraut, Scuttelaria nana)
* Maconha Brava (Zornia latifolia)
* Pink Lotus (Indischer Lotur, Nelumbo nucifera)
* Marshmallow (Echter Eibisch, Althaea officinalis)
* Red Clover (Rotklee, Trifolium pratense)
* Rose (Rosen?)
* Siberian Motherwort (Marihuanilla, Leonorus sibiricus)
* Vanille
* Honig

Vertrieben wird Spice bereits seit gut 4 Jahren. In den Fokus der deutschen Medien geriet die vielfach als Rauschdroge missbrauchte Räuchermischung jedoch erst im Frühsommer 2008.

Der von einigen Händlern als "legaler Marihuanaersatz" angepriesene "Kräutermix" gelangte zu zweifelhafter Berühmtheit, als RTL im August 2008 von "machtlosen Polizisten" und "ersten Konsumenten in Therapie" berichtete. "Versehentlich" machte RTL so ein Produkt bekannt, das zuvor nur von sehr wenigen als Droge konsumiert wurde. Mit jedem neuen Konsumenten wuchs das Interesse der Medien und so entwickelte sich der "Geheimtipp" Spice schnell zu einer regelrechten In-Droge. Dabei wussten zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal Experten, was denn da berauscht. Manche vermuteten gar ein Placebo.

Natürlich ging das wachsende Medieninteresse auch an der Politik nicht spurlos vorbei. Im Gegensatz zu den Verbotsverfahren bei Salvia Divinorum und der Diskussion über psylocibinhaltige Frischpilze reagierte die Bundesdrogenbeauftragte zunächst sehr zögerlich und verwies darauf, dass ihr ohne Erkenntnisse über den Wirkstoff die Hände gebunden seien. Man kann eben nur das verbieten, was man benennen kann.
Drogenreferat und THC-Pharm "entzaubern" Spice

Letztlich gelang es erst dem Hersteller des THC-Medikaments Dronabinol THC-Pharm, den "Spice-Wirkstoff" zu identifizieren. Bei einer Pressekonferenz des Drogenreferats der Stadt Frankfurt/ Main verkündete Holger Rönitz, in Spice das synthetische Cannabinoid JWH-018 nachgewiesen zu haben.

Demnach werden die berauschenden Wirkungen keineswegs von den natürlichen Kräutern selbst hervorgerufen. Vielmehr wurde in den untersuchten Proben von "Spice Gold", "Arctic Synergie" und "Yukatan Fire" die Substanz JWH-018 in unterschiedlicher und stark schwankender Konzentration gefunden. JWH-018 ist ein auf chemischem Wege hergestelltes Cannabinoid, das ähnlich dem in der Cannabispflanze enthaltenen Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) vom den Cannabinoid-Rezeptoren im Gehirn aufgenommen wird. JWH-018 besitzt eine ähnliche Wirkung wie THC, ist aber deutlich potenter. Eine Aufnahme des Wirkstoffs durch Rauchen ist möglich. Letztlich handelt es sich bei Spice also um eine Kräutermischung mit einem chemischen Zusatz, der ähnliche Wirkungen wie Cannabis hervorruft. geschickt mit Kräutern getarnte psychoaktive Chemikalie. Nur sie ruft die von "Kiffern" geschätzten Rauschzustände hervorruft. Zitat Presseerklärung Drogenreferat Stadt Frankfurt/ Main

Konsumenten als Versuchskaninchen

Obschon noch keine Analyse eines zweiten Prüflabors vorliegt, die die Ergebnisse von THC-Pharm bestätigt und sich der Spice-Hersteller noch nicht zu den Vorwürfen geäußert hat, muss man davon ausgehen, dass "the Psyche Deli" der angeblichen Kräutermischung bewusst ein synthetisches Arzneimittel beigemengt hat.

In Kombination mit der überaus konsumentenfeindlichen Nicht-Informationsstrategie der Firma liegt der Schluss nahe, dass the Psyche Deli mit fragwürdigen Geschäftspraktiken und ohne Rücksicht auf die Gesundheit der Konsumenten Geschäfte macht.

Natürlich weist das Unternehmen auf der Packung darauf hin, dass die Mischung nicht zum Rauchen gedacht ist. Dem objektiven Beobachter muss dies aber wie Hohn erscheinen, wenn man sich die Unternehmensgeschichte genauer besieht. Jahrelang war the Psyche Deli als Vertreiber von allerlei Rauschkräutern und von Myzelien und Sporen psylocybinhaltiger Pilze bekannt. Kurz nach dem Aus dieser Geschäftszweige durch eine Neuregelung der britischen Betäubungsmittelgesetze kam Spice auf den Markt. Ein "wir haben doch nicht gewusst, dass die das rauchen werden" nimmt man the Psyche Deli deshalb nicht ab. Warum sollte der Hersteller auch einer Räuchermischung große Mengen einer seltenen rauscherzeugenden Chimikalie beifügen?

Da der Hersteller immer bestritten hat, dass etwas in Spice hineingemengt wurde und die Wirkung auf etwas Anderm beruht als auf den angegebenen Kräutern, handelt es sich hier um einen massiven Betrug an Händlern und Konsumenten mit unabsehbaren Folgen.

Der Deutsche Hanf Verband ist nicht grundsätzlich gegen Nutzung und Verkauf von psychoaktiven Kräutern, rät aber vom Spice-Konsum ab und ruft die Händler auf, Spice aus dem Programm zu nehmen.

Falsche Drogenpolitik verstärkt Spicehype

Einen großen Anteil an der epidemischen Ausbreitung des Konsums einer dubiosen Kräutermischung hat die deutsche Drogenpolitik. Vor 10 Jahren konnte man in Berlin in das Fachgeschäft Elixier gehen und psychoaktive Kräuter als Genussmittel erwerben. Es gab eine fachkundige Beratung und der Konsument wusste, wofür oder auch wogegen er sich entschied. Seitdem sind immer mehr pflanzliche Drogen verboten worden. Das Elixier musste schließen. Das Ergebnis ist Spice.

Eine getarnte Chemo-Droge wird als Räuchermischung an jeder Ecke und im Internet ohne Beratung und ohne Altersbeschränkung verkauft. Eine Kontrolle der Inhaltsstoffe wird so sehr schwierig. Das gleiche Phänomen lässt sich bei Marihuana verfolgen. Das Verbot von Hanfblüten als Genussmittel macht es überhaupt erst möglich, dass das "Gras" tonnenweise mit gefährlichen Streckmitteln verseucht ist.

Drogen-Kräuter gehören in Fachgeschäfte

Durch die Verbotspolitik gegen rauscherzeugende Pflanzen, die die Bundesregierung in den letzten Jahren verfolgt hat, hat der Staat die Kontrolle über diesen Markt aufgegeben und ein Produkt wie Spice geradezu heraufbeschworen. Auch wenn Cannabis legal erhältlich wäre, hätte Spice sicherlich keine Chance.

Der Deutsche Hanf verband spricht sich dafür aus, Fachgeschäfte für rauscherzeugende Pflanzen zu schaffen, in denen die Kunden qualifiziert beraten und die Produkte sauber deklariert und staatlich kontrolliert werden. Dazu Georg Wurth vom Deutschen Hanf Verband: "Konsumiert wird sowieso. Deshalb ist es sinnvoller, wenn der Staat für diese Kräuter einen kontrollierten Rahmen schafft, der Risiken minimiert. Ein transparenter Fachhandel ist da sicher besser als ein völlig unkontrollierbarer Schwarzmarkt."

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